Foto: Wimmer

Ein Erfolgsmodell des Mittelburgenlandes will sich festigen. Das Sozialprojekt Nachbarschaftshilfe Plus sucht in den 10 Partnergemeinden des Bezirkes Oberpullendorf junge Freiwillige, die bereit sind, ein paar Stunden ihrer Freizeit zu opfern, um Leute in ihrem Ort zu unterstützen. Sei es durch eine Begleitung zum Arzt, durch Erledigen eines Einkaufs oder als Begleitung bei einem Spaziergang zum Friedhof. Die jungen Leute sollen Ehrenamtliche, die zur Corona-Risikogruppe gehören, entlasten. Ein Bericht von Hans Tesch.

Die Vorschriften beim Corona-Ausbruch haben auch bei den Hilfsorganisationen vieles aufgezeigt. Personen, die älter als 65 sind, und solche mit Vorerkrankungen sollten sich gezielt vor Ansteckungen schützen. Und somit sind auch viele der freiwilligen Helfer ausgefallen. Bei Nachbarschaftshilfe Plus hat die Geschäftsführung sofort einen Aufruf gestartet, um sehr junge Ehrenamtliche anzusprechen. „Es ist uns gelungen, im gesamten Burgenland 200 Studierende und Schüler für einen Hilfseinsatz zu gewinnen. Diese haben uns während des ersten Lockdowns sehr geholfen,“ freut sich Astrid Rainer, die Projektleitung. „Es wäre nun hilfreich, Jugendliche und Junge für eine regelmäßige Unterstützung zu gewinnen.“

Aktiv in 10 Gemeinde

Nachbarschaftshilfe Plus ist im Bezirk in 10 Gemeinden aktiv: in Steinberg-Dörfl, Piringsdorf, Lackenbach, Unterfrauenhaid, Stoob, Kobersdorf Horitschon, Neutal, Lackendorf und – seit heuer – auch in Draßmarkt.

Lackenbach zeigt es vor

Die Drehscheibe für die Organisation der Hilfe ist die sogenannte Standortkoordinatorin. In Lackenbach ist es Sylvia Wimmer. „Im Moment fahren wir nur für Leute Besorgungen machen. Die Vermeidung von persönlichen Kontakten soll sicherstellen, dass sich Ehrenamtliche wie auch Klienten nicht gegenseitig anstecken und gefährden.“ Autofahrten zum Arzt fallen vorübergehend ebenso weg wie persönliche Besuche. Was geht, wird am Telefon erledigt.

Frau Wimmer, die ausgebildete Diplom-Krankenschwester, ist seit der Gründung von Nachbarschaftshilfe Plus vor sechs Jahren Standortkoordinatorin für Lackenbach und Unterfrauenhaid. Sie beschreibt uns einen typischen Einsatz vor Corona: Eine Klientin, älter als 80 Jahre, ruft bei ihr an und fragt an, wer sie übermorgen zum Arzt nach Oberpullendorf bringen könnte. Sie sucht dann aus der Gruppe der Ehrenamtlichen des Ortes jemanden aus, indem sie einige telefonisch kontaktiert und fragt, wer Zeit hat. Dann ruft sie die Klientin zurück und sagt ihr, wer sie abholt und mit ihr zum Arzt fährt.

Es sei erwünscht, dass Anfragen – wenn möglich – zwei Tage vor dem Termin gestellt werden. „Die Ehrenamtlichen sollen es sich einteilen können. Sie schenken uns ja ihre Zeit.“ Frau Wimmer kennt ihre 68 Klienten und ihre 47 Ehrenamtlichen. So weiß sie, wer am ehesten für den Einsatz in Frage kommt und auch, wer gerne mit wem fährt.

Astrid Rainer, die Entwicklerin und
Leiterin von Nachbarschaftshilfe Plus

Foto: Rainer

Moderne Nachbarschaftshilfe

Die angebotene Nachbarschaftshilfe habe eine Grundstruktur, erklärt Astrid Rainer, die das Projekt entwickelt hat und es auch leitet: „Freiwillige Helfer bieten soziale Dienste an, eine angestellte Teilzeitbüromitarbeiterin koordiniert. Die Helfer, ob Frauen oder Männer, arbeiten ehrenamtlich. Sie sind unfall- und haftpflichtversichert und bei Fahrten bekommen sie Fahrtspesen ersetzt: 42 Cent pro gefahrenem Kilometer.“ Die Leiterin hebt etwas Wesentliches hervor: „Für Bürgerinnen und Bürger ist das Angebot gratis. Die Kosten übernehmen die Gemeinden, die finanzielle Förderungen vom Land nützen.“

Die Gemeinden kooperieren über einen überparteilichen Verein, sie teilen sich die Kosten der Organisation und kommen ansonsten nur für die Aufwendungen auf, die in ihrer Gemeinde anfallen.

Keine Pflege und keine Haushaltshilfen

Die Dienste werden zu Fuß, mit dem eigenen Auto oder telefonisch erledigt: Helfende begleiten zu Behörden, zu Ärzten, zur Apotheke, zur Bank oder zum Einkauf, das heißt, es ist weit mehr als ein Taxi. Sie besuchen die Klienten zu Hause zum Tratschen oder Karten spielen. Sie begleiten beim Spazierengehen, in die Kirche, zum Bankerl oder zum Friedhof. Vorübergehend können sie auch die Kinderbetreuung übernehmen oder eine Art Notfalldienst. Und was seit der Gründung klar eingehalten wird: Es werden keine Pflegedienste und hauswirtschaftlichen Dienste übernommen.

Viele Gewinner

Das gratis angebotene Service bringe Vorteile für praktisch alle Beteiligten, argumentiert Astrid Rainer. Ältere Leute können so lange wie möglich selbstbestimmt in ihrer gewohnten Umgebung leben. Sie haben eine ansprechbare Stelle und brauchen sich keine Sorgen zu machen, wenn sie alleine zu Hause wohnen und kein Auto besitzen.

Auch vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern bringe ihr Einsatz etwas, erfährt Frau Rainer immer wieder: „Viele sind in Pension, vielleicht sogar als Witwer alleine und haben Zeit, dazu auch ein Auto und noch genügend Kraft. Wenn diese jemanden helfen können, macht sie das zufrieden.“

Bürgermeister sehen Vorteile

Der Horitschoner Bürgermeister Georg Dillhof weiß die organisierte Hilfe zu schätzen: „Der soziale Dienst erleichtert das Leben unserer älteren Mitbürger­innen und Mitbürger enorm. Die Lebensqualität im Dorf ist durch dieses Sozialprojekt gestiegen.“

Der Bürgermeister von Lackenbach, Christian Weninger, macht darauf aufmerksam, dass auch am Land nicht mehr alles so reibungslos funktioniert wie früher: „Auch am Land wird in der heutigen Zeit vieles völlig übersehen. Zum Beispiel die Einsamkeit der Nachbarin oder die Hilflosigkeit des Nachbarn, sich die wichtigsten Dinge des täglichen Lebens zu organisieren.“

Bruno Stutzenstein, der Bürgermeister von Stoob, sieht das Projekt als eine Bereicherung für seine Gemeinde: „Durch das Engagement unserer Ehrenamtlichen haben viele Leute wieder die Möglichkeit bekommen, intensiver am Gemeindeleben teilzuhaben. Die Dorfgemeinschaft in einer kleinen Gemeinde wie Stoob wird umso mehr gestärkt.“

Die Vizebürgermeisterin von Neutal, Birgit Grafl, erfährt in vielen Gesprächen, dass im Ort auch die Helfenden durch ihren Einsatz etwas zurückbekommen: „Diejenigen, die sich sozial betätigen, erfahren eine herzliche Dankbarkeit und ein gesteigertes Selbstwertgefühl. Genau das macht Nachbarschaftshilfe Plus in Neutal auch aus.“

Draßmarkt ist heuer dem Projekt Nachbarschaftshilfe Plus beigetreten. „Die Covid-Einschränkungen haben den Start nicht leicht gemacht,“ berichtet Bürgermeister Anton Wiedenhofer. Aber nun entwickle sich das Projekt immer besser. Der Beitritt zu dem gut organisierten und strukturierten Sozialprojekt im Corona-Jahr sei richtig gewesen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Viele Auszeichnungen

Dank und Anerkennung ist von vielen Seiten gekommen. Gewürdigt wurde Nachbarschaftshilfe Plus mit dem Martini-Preis, mit der Auszeichnung „HelferInnen mit Herz“, mit dem Burgenländischen Dorferneuerungspreis, mit dem Förderungspreis der Theodor-Kery-Stiftung und der Nominierung als „Ort des Respekts“ sowie mit dem Regionalitätspreis Burgenland.

Ohne Geld keine Hilfe

Geholfen wird kostenfrei, finanziert wird hauptsächlich von den Gemeinden. Als Einstieg zahlt jede Gemeinde einmalig 25.000 Euro an den Trägerverein. Von den Nettoausgaben erhält die Gemeinde vom Land Burgenland im darauffolgenden Jahr 40 Prozent ersetzt, maximal 10.000 Euro pro Jahr als Co-Finanzierung. Den Gemeinden sehr hilfreich waren in der Vergangenheit auch Startfinanzierungen der öffentlichen Hand und Spenden.

„Ehrenamtliche sind das Herz des Projektes.“

Die freiwilligen Helfer sind versichert, erhalten Fahrtspesenersatz und werden von der Standortkoordinatorin betreut. Sie können frei entscheiden, welche Dienste sie gerne übernehmen und in welchem Zeitumfang. Auf persönliche Vorlieben wird gerne Rücksicht genommen. Zum Beispiel haben besonders tierfreundliche Ehrenamtliche auch schon Hundespaziergänge für Personen übernommen, die in Quarantäne waren. Den Ehrenamtlichen bleibt trotz der Hilfe für Andere genügend Zeit für Hobbies und Freunde.

Oft engagieren sich in der Gemeinde Zugezogene im Projekt und gewinnen so nette Freunde. In Lackenbach – berichtet die Standortkoordinatorin Sylvia Wimmer – habe ein vor 20 Jahren Zugezogener erst jetzt durch seine Tätigkeit als Ehrenamtlicher die Leute im Dorf kennengelernt.

Corona fordert heraus

Corona-Einschränkungen im Frühjahr und jetzt im November der zweite Lockdown haben die Hilfsmaßnahmen deutlich erschwert. Das Projekt hat reagiert, sagt Astrid Rainer: „Die begleiteten Fahrdienste wurden gestrichen, es werden nur noch Besorgungsdienste erledigt, Einkauf und Medikamente werden also nach Hause gebracht. Statt der persönlichen Besuchsdienste werden Telefon-Besuchsdienste angeboten; Telefongespräche gegen Einsamkeit, um in Kontakt zu bleiben, zu plaudern oder das Herz auszuschütten.“

Dennoch zieht der Bezirk eine starke Zwischenbilanz: 282 Ehrenamtliche waren heuer in den 10 Gemeinden aktiv. Bis Ende September wurden rund 3.800 soziale Dienste geleistet – größtenteils Fahr- und Begleitdienste sowie Besuchsdienste.

Schadet die Finanzkrise?

Heute ist der im Mittelburgenland entstandene gemeinnützige Verein Nachbarschaftshilfe Plus im Bezirk in 10 Gemeinden und im ganzen Burgenland in 21 Gemeinden aktiv. Bis jetzt wurden mehr als 30.000 kostenlose soziale Dienste geleistet. Doch die Managerin der ersten Stunde, Astrid Rainer, macht sich Sorgen, dass einige Gemeinden wegen der durch Corona auftauchenden Geldnöte das Hilfs-System verlassen könnten. „Ich hoffe, dass die Gemeinden zu schätzen wissen, was geboten wird. Und dass ihnen bewusst ist, dass die Zahl derer, die zu Hause Unterstützung brauchen, von Jahr zu Jahr zunimmt“, sagt sie.

Nachbar sucht junge Helfende

Eine andere Sorge betrifft die Ehrenamtlichen. Es sei großartig, was ihre Hilfsorganisation mit den Ehrenamtlichen schaffe, sagt Astrid Rainer. Gerade die Corona-Einschränkungen hätten gezeigt, wie wichtig freiwillig Helfende sind. „Es hat sich aber auch gezeigt, dass die älteren Helfenden besser geschützt werden müssen und weniger oft eingesetzt werden können“, analysiert Astrid Rainer und nennt ihre Mission: „Wir suchen verstärkt junge Ehrenamtliche, Freiwillige, die die Gruppen in den Orten verstärken.“

Zu den aktuellen Sorgen kommt immer wieder auch großer Zuspruch zum Konzept. Auch im Waldviertel in Niederösterreich wird seit dem Vorjahr in einigen Gemeinden nach dem mittelburgenländischen Modell geholfen.