Foto: Drescher

Das Burgenland will ab 2021 die Gemeinden „demenz-sensibel“ machen. Soziallandesrat Leonhard Schneemann will erreichen, dass das Pflegesystem auch bei zunehmender Zahl an Demenz-Patienten stabil bleibt. Demenz ist auch im Pflegezentrum Drescher in Raiding ein Thema. In einem eigenen Demenz-Bereich werden 11 der 78 Bewohner gesondert betreut. Geschäftsführer Franz Drescher erzählt im Gespräch mit Hans Tesch, welche Maßnahmen er für nötig hält.

Herr Drescher, eine Demenz-Station gilt als beschützter Bereich. Wie „beschützt“ kann man sich die Patienten bei Ihnen vorstellen?

Unsere 11 Demenz-Bewohnerinnen leben wie in einer großzügig angelegten Wohngemeinschaft. Sie haben ein eigenes Wohnzimmer, es gibt eine alte Kredenz aus den 50er-Jahren, eine kleine Küche, wo gemeinsam gekocht und gebacken wird, und eine eigene Bücherecke mit Büchern aus vergangenen Tagen.

Gegessen wird gemeinsam an einer langen Tafel mit unterschiedlichen Stühlen, sodass das Sitzgefühl abwechslungsreich bleibt. Die Türen haben keine Zimmernummern, sondern Motive des täglichen Lebens. Uns war beim Installieren der Demenz-Station wichtig, dass sich die Bewohner und die Pflegekräfte gleichermaßen wohlfühlen.

Und wie schützt man die Menschen vor sich selbst?

Wir haben vieles so eingerichtet, dass das eigenständige Tun von Demenzkranken keine Gefahr für sie selbst und für andere bedeutet. Wir haben zum Beispiel keine Stufen in der Wohngemeinschaft, es gibt nur eine Ebene. Dann haben wir typische Gefahrenquellen beseitigt, wie bei Heißwasserhähnen – diese haben Temperaturbegrenzer. Es gibt geeignete Messer und Scheren. Und es gibt typische Sicherheitsmaßnahmen wie Rauchmelder oder Sicherungen bei Herdplatten.

Und das Personal ist nur für diesen Bereich abgestellt?

Der Demenzbereich ist sehr personalintensiv. Dort arbeitet eigens ausgebildetes Personal, kompetente Kräfte mit extra Fortbildung. Die Beschäftigten sind mit den unterschiedlichsten Besonderheiten konfrontiert: Patienten vergessen zu schlucken, andere gefährden sich selbst durch unscheinbare Dinge des täglichen Lebens. Die Arbeit mit den Menschen, bei denen sich gleich mehrere Hirnleistungen sehr verschlechtert haben und bei denen sich oft auch deren Persönlichkeit verändert hat, ist herausfordernd und auch psychisch belastend. Übrigens: die häufigste Form einer Demenz ist die Alzheimer Krankheit.
Was halten Sie für notwendig, damit demenziell Beeinträchtigte, die Pflege brauchen, diese künftig auch bekommen?
Dazu muss man wissen, dass die meisten Menschen mit leichter oder mittlerer Demenz zu Hause wohnen oder in häuslicher Pflege sind. Dort müssen die pflegenden Angehörigen unterstützt werden. Sie müssen auch Urlaub machen können und dürfen nicht überbelastet werden. Die Rolle für ein Pflegeheim sehe ich erst für schwerst Demente und bei zusätzlich hohem Pflegeaufwand.

Das Projekt der Landesregierung heißt „demenz-sensible“ Gemeinden. Können Sie damit etwas anfangen?

Die Sensibilisierung der Leute in den Ortschaften ist sehr wichtig. Eine Demenz verändert das Leben. Und in vielen Lebensbereichen brauchen Menschen mit Demenz und ihre Familien Unterstützung. Und Angehörige, Freunde und Nachbarn brauchen Informationen, wie man dem Erkrankten begegnen, mit ihm umgehen soll. Demenz ist zumeist altersbedingt. Demenz ist nicht heilbar! Was getan werden kann ist, durch Übungen, Gedächtnistraining und fachärztliche Begleitung mit Medikamenten den Krankheitsverlauf zu stabilisieren. Speziell geschulte Ansprechpartner in den Bezirkshauptmannschaften wären vielleicht in der Zukunft auch hilfreich.

Wer sollte aktiv werden?

Die Gemeinde sollte öffentliche Vorträge veranstalten. Was kann ich tun, wenn ein Angehöriger an Demenz erkrankt? Und wo kann ich mir Unterstützung holen? Wir stellen im Pflegeheim fest, dass selbst nahe Verwandte nicht wissen, was man tun darf und was nicht. Die Angehörigen meinen es gut und stellen zum Beispiel im Demenzbereich einfach Weintrauben mitten auf den Tisch. Nun haben wir aber schwerst Demenzkranke, die können sich an diesen Trauben verschlucken und ersticken. Es ist wichtig, dass man Angehörige bei der Behandlung mit einbindet und gewisse Verhaltensregeln bespricht.

Was fehlt im Burgenland?

Es fehlt im Burgenland eine spezielle Wohnform für mittelgradig an Demenz Erkrankte. Nur in Oberwart gibt es das schon: eine Form des Betreuten Wohnens für Demenzkranke. Wo nicht die Pflege im Vordergrund steht, sondern die Demenzbetreuung. Dort wird auf Einschränkungen reagiert. So liegen zum Beispiel die Socken in einem Kasten mit einer Glasfront. Der Patient sieht sie, ansonsten würde er die Beschriftung brauchen: „Socken“. Das funktioniert.

Wo gibt es noch einen demenz-sensiblen Bereich?

Der ist dort, wenn man einen Demenzkranken zu Hause pflegt – und das über Jahre hinweg. Das ist eine große Belastung. Patienten sind nicht sterbenskrank, mit der richtigen Betreuung, Unterstützung und Anpassung der Umwelt können sie für sich ein angenehmes Leben bis ins hohe Alter führen. Und da muss ich die Pflegenden unterstützen. Mit Fortbildungen, auch mit Supervisionen, damit man sich Ratschläge holen kann. Da reicht die Allgemeinmedizin nicht aus. Da braucht es Spezialisten, wie es solche bei uns auf der Demenzstation gibt.

Könnten die Gemeinden mehr tun als Info-Veranstaltungen organisieren?

Sie könnten Hilfestellungen organisieren für Leute, die Personen mit mittlerem oder leichtem Demenzgrad zu Hause pflegen. Solche wären in Gemeinden zum Beispiel Angebote wie „Seniorengerechtes Essen auf Rädern“, Seniorennachmittage mit integriertem Gedächtnistraining oder dass man in Zusammenarbeit mit den Anbietern von Hauskrankenpflege Schulungen macht. In manchen Gemeinden ist das schon gelebte Praxis.

Franz Drescher

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