Manfred Seifert, Präsident des Landesverbandes für Menschen mit Behinderungen: „Es war nicht einfach für mich: Ich bin als 39-Jähriger zur Operation ins Spital gegangen und vom Hals abwärts gelähmt aufgewacht. Aber ich habe mein Schicksal angenommen.“ Foto: Tesch

Mit der Corona-Pandemie hat sich auch für Menschen mit Behinderungen das Leben schlagartig verändert. Noch dazu fühlen sie sich in dieser Krise oft noch weniger beachtet und gehört als sonst. Ein Sprecher für Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen im Burgenland ist Manfred Seifert aus Oberpullendorf. Der 67-Jährige ist Präsident des Behinderten-Landesverbandes ÖZIV und will sich in dieser Funktion auch um die Anliegen der älteren Menschen kümmern. Hans Tesch hat Manfred Seifert zum Gespräch getroffen.

Herr Präsident Seifert, können Sie als Behinderter, der im Rollstuhl sitzt, Ihre Forderungen authentischer artikulieren?
Ich habe vielerlei Anliegen und Intentionen. An der Spitze steht meine Vision, das Burgenland barrierefrei zu machen, es dadurch für wirklich alle lebenswert zu machen. Meine Zielgruppen sind nicht nur die Behinderten, sondern dazu zählt auch sehr stark die ältere Generation. Diese war ihr ganzes Leben lang aktiv und im Alter können dann gewisse Einrichtungen nicht mehr besucht werden. Es gibt Zentren nicht mehr, wo man einander treffen kann – oder diese sind nicht zugänglich. Dann hat man in den Gemeinden die Fußgängerwege mit Kanten, die sind nicht abgeschrägt zum großen Teil. Gemeindeämter sind noch immer nicht alle barrierefrei.

Wenn Sie das Burgenland barrierefrei sehen wollen, fürchten sich viele Mitbürger und Eigentümer von Gebäuden vor verpflichtenden Rampen, Umbauten und hohen Kosten. Wer soll das bezahlen?

Vorweg möchte ich eines klar stellen: ‚Barrierefrei’ ist für jedermann! Es braucht sich nur jemand einen Fuß zu brechen, dann kommt er daheim nicht mehr in die Dusche hinein, weil der Sockel zu hoch ist. Und auch die Post sollte selbstverständlich barrierefrei sein, der Großteil ist es nicht. Und was ist mit den Apotheken?

Sind diese Veränderungen so drängend?

Es brennt unter den Fingernägeln, das ist wirklich so. Und ganz wichtig sind die Gaststätten. Diese werden immer weniger. Und das Problem ist, dass viele nicht mehr erreichbar sind. Und in Gaststätten, in die man barrierefrei hinein kommt, kommt man in vielen nicht mehr auf die Toiletten. Dann betrifft die Barrierefreiheit auch die Jungfamilien. Man sollte Geschäfte barrierefrei machen, denn wer lässt den Kinderwagen draußen stehen. Barrierefreiheit ist für mich Lebensqualität.

Was sollte dringend in Angriff genommen werden?

Ein Problem in den Gemeinden ist, dass man dort keine öffentliche Toilette findet. Und auch öffentliche Institutionen sollten endlich ihre Verpflichtungen erfüllen. Das Bezirksgericht Oberpullendorf ist zum Beispiel nicht barrierefrei. Ich bin für ein Burgenland, in dem man barrierefrei leben und in Würde altern kann. Man soll nicht verdrängen, dass auch bei denkmalgeschützten Gebäuden barrierefreier Zugang geschaffen werden kann. Ich nenne als Beispiele die Pfarrkirchen in Lockenhaus und Deutschkreutz.

Herr Seifert, Sie verwenden die Worte „behindert“ und „Behinderte“, ist das nun politisch korrekt?

Wir nennen uns Verband von und für Menschen mit Behinderung. Ich muss ehrlich gestehen: das Wort ‚Behinderung’ ist absolut nicht diskriminierend gemeint, sondern es ist lediglich der Zustand, der die Situation bezeichnet, wenn man behindert beziehungsweise gehindert wird.

Sie sagen nicht „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“?

Wenn ich einen Ferrari haben möchte, ist das auch ein besonderes Bedürfnis. Das ist zu allgemein gehalten. Wir reden von einer Behinderung.

Momentan erleben wir alle Einschränkungen durch den Corona-Lockdown. Was sind die besonderen Herausforderungen für behinderte Menschen?

Ich fürchte, dass wir in eine noch schwierigere Situation kommen als im Frühjahr, dass unsere behinderten Mitbürger – auch weil sie zur Risikogruppe zählen – in eine Isolation schlittern. Das verursacht Stress und hat große Auswirkungen, massive vor allem auf die Psyche und auch körperlich. Ja, der Schutz der Behinderten vor einer Virusinfektion muss gewährleistet sein. Aber die Auflagen im Bereich der sozialen Kontakte können bei vielen Betroffenen zu einer noch stärkerer Ausgrenzung führen. Vor allem in Pflegeheimen.

Was ist das Beschwerliche bei einer Isolation?

Besonders Menschen mit Vorerkrankungen und Behinderungen trifft die aktuelle Krise mit voller Wucht. Nehmen wir die psychisch Kranken her, die den größten Teil der Menschen mit Behinderungen ausmachen. Für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen sind zum Beispiel die Maskenpflicht und das Abstandhalten rätselhaft. Und praktisch alle spüren die Einschränkungen bei den Besuchsmöglichkeiten ebenso wie bei den Therapiemöglichkeiten. Auch im Mittelburgenland haben wir einige Berufssparten, die sich mit Behinderungen beschäftigen, von Logopäden angefangen bis zu Psychologen. Diese Besuche sind dann einfach nicht mehr machbar.

Macht Corona behinderten Personen auch spezielle Sorgen?

Bei vielen kreisen die Gedanken ständig um die Pflegerinnen und Pfleger. Viele Pflegebedürftige haben Angst davor, dass ihre Assistenzen erkranken und sie angesteckt werden könnten. Oder dass zum Beispiel ihre Betreuerinnen ausfallen wegen Corona. Die Krise trifft Menschen mit Behinderungen härter als andere. Sie sind jetzt wirklich die Ärmsten der Armen.