Interview mit dem burgenländischen „Biber-Manager“. Foto: Biber/Schedl

Vor 150 Jahren wurden sie ausgerottet, in fast ganz Europa. Nun sind sie wieder da – auch im Mittelburgenland. Bereits in 22 der 28 Gemeinden des Bezirkes gibt es Biberreviere. An jedem größeren Bach haben sich diese größten aller Nagetiere bereits niedergelassen. Und dadurch oft Konflikte mit den Menschen verursacht. Das Land hat zum Überwinden der Auseinandersetzungen sogar ein „Biber-Management“ installiert. Hans Tesch hat den „Biber-Manager“ Clemens Trixner über seine Tätigkeiten befragt und über die Unruhe durch den Biber-Boom.

Wundert es Sie, dass es im Mittelburgenland wieder Biber gibt?

Nein, es war vorherzusehen, dass Biber zuwandern. Der Biberbestand im Bezirk Oberpullendorf geht auf ein Wiederansiedlungsprojekt im Hansag-Nationalpark in Ungarn in den 1990er-Jahren zurück. In diesem Gebiet südlich des Neusiedlersees wurden Biber ausgesetzt. Von dort sind Tiere ins Burgenland eingewandert. Häufig wird unterschätzt, welche Entfernungen Biber zurücklegen können. Im Burgenland selbst haben keine Wiederansiedlungen stattgefunden.

Wo sind diese Biber heimisch geworden?

Von den größeren Gewässern, der Rabnitz und dem Stoober Bach, findet die Ausbreitung zunehmend auch in die kleineren Zubringerbäche statt. Auch am Goldbach, Frauenbrunnbach, Raidingbach, Nikitschbach, Zöbernbach und der Güns. Bis dato sind bereits in 22 der 28 Gemeinden des Bezirkes Biberzeichen registriert worden. Wir arbeiten hier mit dem Naturschutzbund und dem Verein der burgenländischen Naturschutzorgane zusammen. Oft sind es auch nur interessierte Spaziergänger, die anrufen oder Fotos übermitteln. Wir sind über jede Meldung dankbar. Die letzte burgenlandweite Schätzung stammt von 2017 und es konnte bereits ein Mindestbestand von 128 Biberrevieren nachgewiesen werden. Im Bezirk konnten wir im vergangenen Winter 27 Biberreviere registrieren. Das entspricht einer Mindestzahl von rund 80 Bibern.

Steigt die Zahl der Biberreviere schnell?

Biber sind keine Ratten. Für Nagetiere untypisch haben sie nur einmal pro Jahr zwei bis drei Junge. Diese müssen dann mit etwa zwei Jahren mit der Geschlechtsreife das elterliche Revier verlassen und sich auf Wanderschaft begeben. Ein eigenes Revier zu gründen wird allerdings zunehmend schwieriger.

Eine Biberfamilie verteidigt ihren Gewässerabschnitt vehement gegenüber fremden Artgenossen und ist in der Regel sehr ortstreu. Wir haben aber auch registrieren können, dass sich Biberreviere aufgrund verändernder Wasserstandsbedingungen verschoben haben, wie in den letzten Jahren in Horitschon, Markt St. Martin, Pilgersdorf, Unterfrauenhaid oder Weppersdorf.

Die Biber gestalten ihren Lebensraum und kommen dabei in Konflikt mit Menschen – seien es Grundeigentümer, Bauern, Fischteich- oder Waldbesitzer, denen ihre mühsam gepflanzten Bäume einfach abgenagt werden. Was tun Sie in solchen Konfliktfällen?

Vorweg ist zu sagen: Biber sind streng geschützt – nach der Berner Konvention und dem EU-Recht und somit auch im burgenländischen Naturschutzgesetz gelistet. Es ist verboten, Bibern nachzustellen, sie zu fangen, zu töten und ihre Wohnstätten zu beschädigen oder zu zerstören. Auch Biberdämme sind naturschutzrechtlich geschützt. Wenn es Meldungen über Bibereinflüsse gibt, und es gibt laufend welche von Gemeinden oder Grundeigentümern, dann versuchen wir, zunächst über eine Revieraufnahme die aktuellen und potentiellen Konflikte zu analysieren und so das Bibervorkommen berechenbarer zu machen.

Welche Strategie verfolgt man im Burgenland?

Wir gehen bei Mensch-Biber-Konflikten nach bayerischem Vorbild in drei Stufen vor. Als Erstes versuchen wir vorzubeugen: durch Information und Aufklärung sowie durch lokale Einzelmaßnahmen wie zum Beispiel Einzelbaumschutz oder die Errichtung von Elektro-Zäunen. In einer zweiten Stufe wird in den Lebensraum der Biber eingegriffen. Das kann eine Absenkung oder das Entfernen von Biberdämmen sein oder der Einbau von Drainagerohren in Biberdämme. Bei ernsten Schäden kann die Naturschutzbehörde als letzte Stufe durch Bescheid einen Eingriff in die Population genehmigen.

Der Biber gilt vielfach als „Problemtier“. Seine Aktivitäten führen zu Konflikten, zu Schäden. Sie verbeißen und fällen Bäume und Sträucher, fressen Feldfrüchte, unterminieren Hochwasserdämme. Biberröhren unterminieren Grundstücke und Biber beeinträchtigen Fischteiche. Wie können Sie helfen?

Grundsätzlich muss man sagen: Obwohl wir in unserer Kindheit keine Biberspuren auffinden konnten, handelt es sich doch um eine heimische Tierart. Der Biber kehrt jetzt an Gewässer zurück, die sich seit seiner Ausrottung vor 150 Jahren einem nie dagewesenen Wandel unterzogen haben. Die Uferzone, die naturräumlich als Teil des Gewässers gesehen werden kann, ist heute meist Wirtschafts- oder Infrastrukturfläche. Genau hier entstehen die Konflikte, für die der Biber bekannt ist. Weniger bekannt sind die positiven Auswirkungen auf die Artenvielfalt oder die Ökosystemdienstleistungen, die er durch Wasserrückhalt und Grundwasserneubildung erbringen kann. Wir müssen wieder mit dem Biber leben lernen, das heißt differenzieren lernen: wo kann man die Chancen mit dem Biber nutzen und wo sind die Hotspots, wo es Maßnahmen und Management braucht.

Was können Sie raten?

Es gibt keine Pauschallösungen. Wir betrachten jeden Einzelfall auf der Ebene des Biberrevieres und versuchen, gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen zu entwickeln. Das reicht von einfachen Baumschutzmaßnahmen bis hin zur Sicherung von Hochwasserschutzdämmen. Oft sind es nur fehlende Informationen, die zu Konflikten führen. Ein Beispiel: Biber sind reine Pflanzenfresser und brauchen die Rindennahrung, um über den Winter zu kommen. Bei frühzeitigem Abtransport von gefällten Bäumen im Winter, wird der Biber sehr rasch den nächsten Baum fällen.

Welche weiteren Maßnahmen könnten helfen, um Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen?

Am nachhaltigsten können Mensch-Biber-Konflikte durch extensive Uferrandstreifen gelöst werden. Das Überthema ist hier also „Platz für das Gewässer“. Da geht es um 10 bis 20 Meter, die der Biber als Pufferzone für das Gewässer zurückfordert.

Kann man mit Geld die Biber-Konflikte lösen?

Akzeptanz kann man nicht kaufen. Ein Blick auf die Nachbarländer zeigt aber, dass ein Ausgleich mit den Landnutzergruppen über Förderungen oder Ablösen von Uferrandstreifen ein Kernthema im Bibermanagement ist. Hier gilt es, gemeinsam neue Wege zu finden, die nicht zuletzt dem Gewässerschutz im Allgemeinen zugute kommen können. Der Biber hat seine angestammte Heimat längst zurückerobert und es gilt jetzt, vorausschauend Konflikte zu vermeiden, indem wir den Biber bereits bei den Planungen rund um das Gewässer miteinbeziehen.

Gibt es auch positive Meldungen als Biber-Manager?

Ganz aktuell freut mich ein Flächenfreikauf in der Gemeinde Draßmarkt. Dort hat der Naturschutzbund über Spenden eine Auwaldfläche für eine Biberfamilie ablösen können.