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Wer kennt sie nicht, die dekorativen Buddha-Statuen oder die buddhistischen Sprüche über Achtsamkeit und Gelassenheit? Sie stehen in unserer westlichen Welt für eine spirituelle Lebensphilosophie, die ihren Ursprung im Buddhismus hat. Ein hochkarätiger Vertreter dieser Weltreligion, der Religionswissenschafter Dr. Volker Zotz, hat im Mittelburgenland gelebt und gearbeitet. Er spricht in höchsten Tönen von seiner Zeit in Weingraben. Hans Tesch hat den Philosophen getroffen und mit ihm über seine „gottlose“ Welt und seine Zeit als burgenländischer Pendler gesprochen.

Volker Zotz schwärmt vom Mittelburgenland. Der international gefragte Wissenschafter hat in der kleinen kroatischen Ortschaft Weingraben vier Jahre lang gewohnt. Von Land und Leuten ist er beeindruckt. „Das ist eine ganz spezielle Atmosphäre, wenn irgendwo mehr als eine Sprache gesprochen wird, wenn unterschiedliche Mentalitäten dort sind“, erzählt der Philosoph. „Das Kroatische habe ich in Weingraben selber nimmer so viel sprechen gehört, aber wenn Hochzeiten gefeiert wurden, da war das Dorf noch ‚typisch kroatisch’. Oder wenn jemand gestorben ist. Da wurde in der Kirche gebetet, man hat Totenwache gehalten nach alter kroatischer Tradition.“

Vom Burgenland fasziniert

30 Jahre sind es inzwischen her. Nach einem Forschungsaufenthalt in Japan kommt Volker Zotz, 33 Jahre alt, zurück nach Österreich und sucht eine Bleibe. „Ich bin nicht gezielt nach Weingraben gegangen, aber ins Mittelburgenland schon. Ich wollte ­Wien leicht erreichen können, habe damals ein paar Lehraufträge gehabt an der damaligen Hochschule für Angewandte Kunst. Später habe ich dann an der Universität gelehrt, am Philosophischen Institut. Ich musste pendeln. Eine Busverbindung habe ich gesucht, weil ich kein Autofahrer bin.“ Ein Haus mitten in Weingraben und die Bushaltestelle gleich in der Nähe überzeugen ihn. „Ich bin in der Früh mit den Maurern nach Wien gefahren und am Abend wieder heim“, erinnert sich Zotz noch sehr gut. „Im Bus kann man lesen, man kann sich etwas überlegen. Das war eine schöne Sache.“

„Du machst dich selbst zu dem, was du bist – durch das, was du tust und was du denkst.“

Schöpferische Jahre

Die Zeit in Weingraben ist sehr produktiv. Volker Zotz arbeitet unter anderem an dem Buch „Geschichte der buddhistischen Philosophie“, das heute in vielen Ländern ein Standardwerk an den Universitäten ist. Zotz erarbeitet sich den Ruf als internationaler Experte für die Kultur, Philosophie und Religion in Süd- und Ostasien. Er schreibt viel, vor allem über Buddha, den Religionsgründer. „Buddha will den Menschen helfen, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen und ihnen eine ungeahnte Freiheit ermöglichen. Seine Vorschläge und Anleitungen sind so brauchbar und nützlich wie vor 2.500 Jahren“, heißt es auf dem Umschlag seines Sachbuch-Bestsellers „Mit Buddha das Leben meistern“.

Seine mehr als zwanzig Bücher sind in viele europäische Sprachen wie auch ins Chinesische und Koreanische übersetzt. Zotz gilt als moderner Buddhologe, der gut verständlich und nachvollziehbar seine Sichtweise der Lehre Buddhas zu Wiedergeburt, Nirwana oder Selbsterlösung präsentiert. Sein Motto: „Immer wacher werden!“

Beispielhaftes für Japaner

Volker Zotz ist damals schon international gefragt. Immer wieder fliegt er für einige Monate nach Japan, um Forschungsprojekte zu leiten. „In Japan, wo Ideen einer kulturellen Abgeschlossenheit eine wichtige Rolle spielen, zog ich in Gesprächen mit Studenten oft das Burgenland heran. Wie hier trotz mancher Probleme unterschiedliche Traditionen und sprachliche Hintergründe einander bereicherten und zur Harmonie fanden, schien mir immer beispielhaft.“

1994 wird Zotz an eine Universität in Kyoto berufen und übersiedelt. Rückblickend sieht er sich als typisch burgenländischen Pendler, „nur eben mit etwas größerem Radius als üblich.“

Nach Japan folgen Verpflichtungen in Luxemburg, China und in den USA. An Weingraben denkt Volker Zotz gerne zurück, an seine erste Begegnung mit dem Bürgermeister und seine unkomplizierte Aufnahme im Dorf. „Der Bürgermeister hat mir damals gesagt, die Burgenländer kommen von überall her. Das war für mich so wie, da kann ein Dahergelaufener auch kommen“, schildert Zotz. Was man in Weingraben als „Heimat“ versteht, das hat er dort jedenfalls nicht gesucht. „Ich fühl’ mich nirgends daheim. Ich kann an vielen Orten leben“, so der Kulturwissenschafter. „Ich war zehn Jahre lang in Japan. Ich hätte in Japan bleiben können, ich hätte in Indien bleiben können und ich hätte im Burgenland bleiben können.“

„Bin nur einen Steinwurf entfernt.“

Seit dem Vorjahr ist der sichtlich zufriedene Volker Zotz – mit Familie – nach einem intensiven Indien-Aufenthalt in Österreich zurück. In Hochegg, einem Ortsteil von Grimmenstein in der Buckligen Welt, leitet er ein Studienzentrum, das Anagarika Govinda Institut für buddhistische Studien. Dort wird auch der Nachlass Lama Govindas – ein von ihm sehr verehrter Lehrer – verwahrt. Vom Studienort Hochegg aus wird Zotz – als Oberhaupt des Ordens Arya Maitreya Mandala – auch an einer Herausforderung seines Lebens arbeiten: an einem geistigen Brückenschlag zwischen buddhistischen und konfuzianischen Kulturen Asiens und dem christlichen Abendland.

In Hochegg hat Volker Zotz vor zu bleiben, bis auf Lehr- und Studienaufenthalte im Ausland. Und Weingraben im Mittelburgenland? „Davon bin ich ja ohnehin nur einen Steinwurf entfernt, in der Buckligen Welt!“, sagt der Philosoph schmunzelnd.

Neun Fragen an den Buddhisten Volker Zotz

Sie sind als Kind katholisch erzogen worden. Was ist der Reiz des Buddhismus für Sie?

Die Forderung, auf einem praktischen Weg wacher zu werden und nicht an etwas Unerklärliches glauben zu müssen.

Was ist für Sie der wesentliche Unterschied zum Christentum?

Für das Christentum hat die Welt einen absoluten Beginn in Gott. Sie wird von ihm erschaffen und hat durch sein Gericht ein Ende. Der Buddhismus sieht dagegen ein ewiges Werden und Vergehen. Welten entstehen und vergehen, neue Welten entstehen und vergehen. Es gibt keinen Anfang und kein Ende im absoluten Sinn.

Einen allmächtigen Gott, an den die Christen glauben, haben Sie nicht?

Einen Schöpfer, der alles aus dem Nichts hervorbrachte, lehrte der Buddha nicht. Da stellt sich das Problem, wo kommt er her? War er schon immer da? Der Buddhismus fordert keinen Glauben an Unbegreifliches.

Buddhisten glauben, nach dem Tode wiedergeboren zu werden. Als Mensch, als Gespenst oder gar als Tier. Wie kann man diesen Kreislauf von ständiger Wiedergeburt verstehen?

Ich persönlich nehme die Wiedergeburt nicht wörtlich, sondern sehe sie als Mythos oder Gleichnis für die ständige Veränderung, in der nichts verloren geht. Ich bin jetzt nicht derselbe, der ich mit 12 Jahren war. Ich wandle mich ständig, werde in jedem Moment als ein anderer wiedergeboren.

Jede Handlung hat Folgen, heißt es bei den Buddhisten. Kann man sich dieses Konzept, das als Karma bezeichnet wird, wie ein Konto vorstellen? Steigt der Kontostand, wenn man etwas Gutes tut?

Du machst dich durch dein Tun zu dem, was du bist. Es ist kein Konto mit Punkten. Karma heißt wörtlich „Wirken“. Bei deinem Wirken zählen im Buddhismus zuerst die Gedanken, dann erst Worte und Taten.

Der Wille ist wichtiger als das Tun?

Ja. Der Buddha betonte die Absicht, aus der ich etwas mache. Gedanken stehen höher als Taten, weil mein Denken die Absichten bildet, die dann Rede und Handeln bestimmen.

Sie sind aus Tirol stammend in Deutschland geboren und als Kind katholisch getauft worden. Wie tritt man dem Buddhismus bei?
Man kann förmlich beitreten, muss das aber nicht. Etwas dem Taufsakrament Entsprechendes gibt es nicht. Es geht nicht um Kirchenzugehörigkeit, sondern darum, die Lehre zu praktizieren.

Muss man Zugeständnisse machen?

Man fasst Vorsätze für sein Leben, etwa sich an die fünf Gebote zu halten – ähnlich den 10 Geboten der Katholiken. Ziel ist es, sich mit dem Buddha als Vorbild zu entwickeln, um die Welt ohne Verblendung zu sehen und Gier sowie Hass zu überwinden.

Es heißt, „den“ Buddhismus gibt es nicht, sondern je nach Land und Tradition unterschiedliche Lehren. Können Sie aus Ihrer Beobachtung ein markantes Beispiel nennen?

In Asien ist der Buddhismus keine exklusive Religion. So folgt die Mehrzahl der Japaner verschiedenen Lehren. Menschen folgen dem Shinto, der alten Religion Japans, in dessen Schreinen sie beten. Sie gehören buddhistischen Tempeln an, auf dessen Friedhöfen sie bestattet werden. Viele traten dazu christlichen Institutionen bei, weil es Mode wurde, christlich zu heiraten. Shintoismus und Buddhismus kennen kein Ehesakrament. Doch junge Japaner finden das romantisch, eine Braut in Weiß und jemanden, der sagt: „Ich erkläre euch zu Mann und Frau.“ So haben viele Japaner eine Patchwork-Religion. Auch in anderen Ländern ist das möglich, weil der Buddhismus kein Gebot in dem Sinn kennt: „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.“

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