Mag. Dr. Ernst Mihalkovits geb. 1936 – verstorben Mitte Juni 2020. / Foto: Mihalkovits

Der Historiker Mag. Dr. Ernst Mihalkovits aus Ritzing erinnert sich an das Ende des Zweiten Weltkriegs

Vor 75 Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Die letzten Tage und Wochen waren in der Region gekennzeichnet von Schreckensszenarien, Brutalität und Leid. Hans Tesch hat den Historiker Ernst Mihalkovits, 84, aus Ritzing getroffen und mit ihm über die Ereignisse in der Region und seine persönlichen Erinnerungen gesprochen.

Tesch: Vom Kriegsende 1945 wird gerade aus unserer Gegend vieles und vor allem Schreckliches berichtet. Aufgezeichnet auch von Ihnen als studierter Historiker. Sie waren damals knapp 10 Jahre alt. Was haben Sie in Ritzing in den letzten Kriegstagen erlebt?

Mihalkovits: Es war am Gründonnerstag, am 29. März 1945. Die ersten sowjetischen Soldaten betreten in unserem Bezirk bei Klostermarienberg österreichischen Boden, damaliges deutsches Reichsgebiet. Ich war ein kleiner Bub in Ritzing. Ich kann mich noch an den Kanonendonner der deutschen Geschütze erinnern, der von Horitschon bis Ritzing gut zu hören war. Die Nacht zum Karfreitag habe ich mit meiner Mutter in einem Erdbunker im Angerwald verbracht – gemeinsam mit unseren Nachbarn, einer Bekannten und deren Kinder. Die ganze Nacht lang ist Sand von der Decke gerieselt. Uns war sehr kalt. Und wir haben beschlossen, die nächste Nacht am Heuboden im Stadel unserer Nachbarn zu verbringen.

Hat das die erhoffte Erleichterung gebracht?

Im Gegenteil. Dort sind wir mitten in der Nacht von Motorengeräusch und dem Rasseln von Panzerketten aus dem Schlaf gerissen worden. Vom Hof her haben wir russische Befehle wahrgenommen. Die Russen hatten unseren Nachbarn, unseren Quartiergeber, zuvor aus seinem Versteck vom vorderen Heuboden geholt. Und seine Feuerwehruniform haben sie leider mit einer SS-Uniform verwechselt. Unser Nachbar hat unser Versteck verraten müssen. Über eine Leiter sind wir hinunter geklettert. Neben unserem Nachbarn haben wir uns aufstellen müssen. Wir haben Todesängste ausgestanden. Wir haben befürchtet, die Russen würden uns nun alle erschießen. Gerettet hat uns der Schwager des Nachbarn, der zum Glück im Hof vorbei geschaut hat. Dieser war im ersten Weltkrieg in russischer Gefangenschaft gewesen. Er hat den Russen auf Russisch erklären können, dass es sich um eine Feuerwehruniform handelt. Geschockt haben wir dann in unsere Häuser gehen dürfen.

Von Osterfriede also keine Spur.

Am Ostersonntag zu Mittag stehe ich auf der Gasse vor unserem Haus. Ich habe beobachtet, wie die Russen die Häuser in der Oberen Berggasse plündern. Einen Russen habe ich gesehen, der mit einem gestohlenen Fahrrad in meine Richtung unterwegs war – sichtlich betrunken. Immer wieder ist er lachend vom Rad gefallen. Bei mir ist er stehen geblieben und wollte mir Kekse schenken. Ich habe gezögert. Die deutsche Propaganda hatte uns eingeredet, ja nichts von Russen anzunehmen, denn das wäre vergiftet. Der russische Soldat dürfte meine Angst gespürt haben. Er hat ein Stück Keks in seinen Mund genommen und dann hab’ auch ich mich getraut, ein Stück zu essen.

Solche friedlichen Begegnungen waren aber die Ausnahme.

Das kann man sagen. Am Ostermontag hat mich meine Mutter baden wollen. Sie hat im Kabinett einen Waschtrog aufgestellt und mit Wasser gefüllt, doch zum Baden ist es nicht gekommen. Ein Geräusch an der Tür beim Eingangstor hat meine Mutter aufhorchen lassen. Sie hat das Kabinettfenster aufgerissen und ist auf die Straße gesprungen. Mich hat sie im Waschtrog gelassen. Ich habe Schritte gehört, die Tür ist ruckartig aufgerissen worden und vor mir ist ein asiatisch aussehender Soldat gestanden – mit der Maschinenpistole im Anschlag. Er hat mich kurz gemustert und dann wortlos das Kabinett verlassen.

Ihre Mutter ist vermutlich einer Vergewaltigung entkommen. Haben Sie von solchen im Ort erfahren?

Im Haus meiner Tante haben die Russen zwei junge deutschsprachige Mädchen gefangen gehalten. Diese haben sie aus Ödenburg hierher verschleppt und in ein Zimmer eingesperrt. Rund um die Uhr sind sie bewacht worden. Offiziere haben sie immer wieder vergewaltigt. Beim Abzug der russischen Besatzer aus Ritzing haben sie die Mädchen auf einem LKW fort gebracht, eines der Mädchen auf einer Tragbahre.

Ist es in der Zeit nach Kriegsende auch zu gefährlichen Situationen zwischen Ritzingern und den Besatzern gekommen?
Es hat einen toten Ritzinger gegeben. Ein junger Frontsoldat, der schon daheim gewesen ist, ist in Lackendorf mit Russen in Streit geraten und im Verlauf der Auseinandersetzung erschossen worden. So hat es mir die Schwester des Ritzingers erzählt.

Gut in Erinnerung ist mir auch eine Erzählung über eine Wirtshausrauferei zum Martini-Kirtag im Jahr darauf, 1946. Ritzinger Burschen, die schon vom Krieg heimgekehrt waren, sind mit Soldaten einer hierher versetzten russischen Strafkompanie zusammen gekracht. Die Burschen haben eingegriffen, als die Russen versucht haben, einige Ritzinger Mädchen ins Freie zu zerren. Im Wirtshaus hat sich eine Massenschlägerei entwickelt, die erst aufgehört hat, als die Bewacher der Strafsoldaten aufgekreuzt sind und eine MP-Salve in die Decke abgefeuert haben. Die Ritzinger Burschen sind geflüchtet. Am nächsten Tag ist bekannt geworden, dass ein Russe mit einer Schädelverletzung ins Krankenhaus Oberpullendorf eingeliefert worden und daran sogar verstorben ist. Das ganze Dorf hat Angst gehabt. Man hat die Rache der Russen gefürchtet. Zum Glück haben auch die Bewacher der Strafkompanie, die ja ihre Aufgabe vernachlässigt hatten, Angst gehabt, dass sie von höherer Stelle bestraft werden könnten. Die Bewacher haben jedenfalls den Vorfall verheimlicht. Offiziell ist der Soldat bei Waldarbeiten verunglückt.

Sie nennen es Rache der Russen. Als studierter Historiker wissen Sie heute, wie begründet diese Angst war.

Es ist nicht auszudenken, welche Folgen es für die gesamte Bevölkerung von Ritzing gehabt hätte, wenn die wahre Todesursache aufgedeckt worden wäre. Das zeigen die Vorkommnisse in der Nachbargemeinde Horitschon. Dort hat es schwere Kämpfe mit Abschüssen russischer Panzer und eine große Zahl toter Russen gegeben. Doch die Russen sind nur kurz verdrängt worden. Nach dem neuerlichen Einmarsch in Horitschon ist es dann zu Tragödien gekommen. Man weiß, dass die Russen ein Blutbad angerichtet haben. Vor jedem Haus, wo ein toter Russe gelegen ist, sind alle männlichen Bewohner dieses Hauses – Großväter und Enkelsöhne – erschossen worden. Mädchen und Frauen sind in die alte Kirche geflüchtet. Dort haben Russen – alkoholisiert – versucht, die im Pfarrkeller versteckten Frauen zu vergewaltigen. Der Horitschoner Ortspfarrer hat die Vergewaltigungen verhindern wollen, er ist aber überwältigt worden. Er hat die Massenorgie mit ansehen müssen. Danach ist er mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen und erschossen worden. In Horitschon sind 17 deutsche Soldaten gefallen, 36 Häuser sind in Brand geschossen worden, die Kirche ist vollständig ausgebrannt.

Was wissen Sie von den Vergewaltigungen in anderen Ortschaften? Was ist aufgezeichnet?

Ich habe selbst mit einer Frau gesprochen, die als 15-Jährige in Horitschon vergewaltigt worden ist. Zu Vergewaltigungen ist es in allen Orten des Bezirkes Oberpullendorf gekommen, an Frauen jeden Alters. Aber nicht nur bei uns. Aus der Nachkriegszeit sind in der gesamten Sowjetzone, also aus dem Burgenland, Niederösterreich und dem oberösterreichischen Mühlviertel, 20.000 Vergewaltigungen amtsbekannt. Und die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen.

Als Student haben Sie die Begebenheiten zum Kriegsende in der Region recherchiert und vielfach als Erster dokumentiert. Welche tragischen Vorfälle hat es in anderen Orten gegeben?

Dramatische Ereignisse haben sich auch in Lackenbach abgespielt. Vor dem Eintreffen der Roten Armee ist es zu Familientragödien gekommen. Ein ehemaliger Frontsoldat, ein NSDAP-Mann, hat sich zu einer unbegreiflichen Tat hinreißen lassen. Aus Angst vor den Russen hat er seine Gattin und seine beiden Töchter, ebenso seine Schwägerin und deren drei Kinder erschossen – und zum Schluss sich selbst. Auch der damalige NSDAP-Bürgermeister hat, um nicht den Russen in die Hände zu fallen, seine Gattin, seine Schwägerin und deren Tochter erschossen, bevor er sich selbst hingerichtet hat. Und Zeitzeugen haben von einer Begebenheit rund um einen Oberförster erzählt, die sich nur einige Tage nach der russischen Besetzung ereignet hat. Der Oberförster war Mitglied der SA, der paramilitärischen Sturmabteilung der Nationalsozialisten. Er ist von den Russen in Lackenbach aufgespürt, schwerst misshandelt und danach von einem Panzer niedergewalzt worden.

Sie haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen und in den örtlichen Archiven nachgeforscht. Sind Sie auch auf „Unschuldige“ gestoßen, die getötet worden sind?

In Neckenmarkt haben mir zwei Zeuginnen erzählt, dass zwei unschuldige Jugendliche, die beim Durchzug der Russen nur zugeschaut haben, als „Faschisten“ durch Genickschuss hingerichtet worden sind. Auch sei ein Bursche von den Russen niedergestreckt worden, weil er in seiner Aufregung mit „Heil Hitler“ gegrüßt hat. Ein Friseur, der angeheitert auf die Russen geschimpft hat, und ein Weinbauer, der sich geweigert hat, die Schlüssel zum Weinkeller herzugeben, sind ebenfalls erschossen worden. Und drei Neckenmarkter, denen man vorgeworfen hat, sie hätten Ostarbeiter schlecht behandelt, sind von Russen einfach abgeknallt worden.

Kurzen Prozess haben russische Soldaten immer wieder mit offiziellen Parteimitgliedern der Nazis gemacht. In Neckenmarkt haben russische Soldaten den NSDAP-Ortsleiter aus Strebersdorf und acht Männer der SS, der 1945 als verbrecherisch verbotenen Schutzstaffel Adolf Hitlers, gefangen genommen, am Ortsende aufgestellt und mit einem Maschinengewehr exekutiert.

Der Einmarsch der Russen über das Mittelburgenland Richtung Wien war ja nicht ohne Gegenwehr. Wo hat es hier auffällig viele Tote gegeben?

Das war in Kroatisch Geresdorf, gleich am zweiten Tag nach dem Betreten österreichischen Bodens durch die ersten Sowjetsoldaten. In der Nacht zum 31. März 1945 sind zirka 100 SS-Grenadiere zu einem Gegenstoß eingesickert. Bei Büchsenlicht im Morgengrauen haben sie das Feuer auf die Sowjets eröffnet. Es hat ein stundenlanges Gefecht stattgefunden. Die Sowjets haben die Oberhand behalten und die deutschen Angreifer haben 85 Mann tot
zurückgelassen.

Trauriger Nachsatz:
Es war das letzte Interview von Dr. Ernst Mihalkovits. Er ist Mitte Juni im AKH verstorben.