Land hat Synagoge Kobersdorf gekauft. Nach Sanierung soll sie als „Zeitzeuge“ dienen.
Foto: Tesch

Ein Rundgang durch das ehemals jüdische Kobersdorf – mit Altbürgermeister Erwin Hausensteiner.

Sonntag Nachmittag in Kobersdorf. Eine interessierte Gruppe von Menschen – jeder zweite der Teilnehmenden ist extra aus Wien angereist – trifft sich mitten im Ort vor dem Schloss. Altbürgermeister Erwin Hausensteiner startet seine Führung mit einem kurzen Abriss der Geschichte der Juden in Kobersdorf.

Knapp 500 Jahre sei es her – das ungarische Heer wurde von den Osmanen besiegt. Juden, die aus Sopron vertrieben wurden, fanden Unterschlupf in der Herrschaft Kobersdorf. Und die Judengemeinde sei danach stark gewachsen.

Juden suchen Zuflucht

200 Jahre danach – vor knapp 300 Jahren – wurde die Herrschaft Kobersdorf Teil der Esterhazy-Besitzungen; die jüdische Gemeinde wurde als eine der „Siebengemeinden“ – gegen Entgelt – unter Schutz gestellt. Es lebten etwa 750 jüdische Bewohnerinnen und Bewohner im Ort, so viele wie nie zuvor und danach. Zur Gemeinde gehörten Synagoge, Friedhof, Rabbiner, Schächter, Schulsinger und Gemeindegericht sowie eine Tora-Hochschule, ein Sportverein und ein jüdisches Salon-Orchester. Vor 150 Jahren begann die Trendwende, die jüdische Bevölkerung siedelte ab – sehr viele zogen nach Wien.

1938, mit Beginn der Macht­übernahme durch die Nationalsozialisten, gab es noch etwas mehr als 200 Juden im Ort. Auch in Kobersdorf kam es zu Ausschreitungen gegen jüdische Familien. Viele wurden gezwungen, Verzichtserklärungen über ihr Vermögen zu unterschreiben und Kobersdorf zu verlassen, wurde erzählt. Genaue Zahlen gäbe es nicht. Nach Schätzungen dürften 155 von ihnen in den Ghettos und Vernichtungslagern zu Tode gekommen sein. Nur drei Überlebende kehrten nach dem Krieg nach Kobersdorf zurück.

Mahnmal „Nie wieder“

Die Gruppe wechselt zum Mahnmal auf dem Platz vor dem Schlosseingang. „Exakt 219 Namen jüdischer Bewohner finden sich auf dem Gedenkstein“, erklärt Erwin Hausensteiner, der sich für dieses sichtbare Zeichen eingesetzt hatte: (FOTO). „Aufgestellt wurde das Mahnmal mit der Aufschrift „Nie wieder“ für die Kobersdorfer Juden vor drei Jahren – nach langwierigen Debatten in der Gemeinde und im Gemeinderat. Den Entwurf hat der Künstler Prof. Ernst Fuchs gestaltet, der selbst familiäre Wurzeln in Kobersdorf hatte.“

Einen Steinwurf vom Denkmal entfernt steht ein Mahnmal im Originalzustand: die desolate Synagoge. Und man kann jetzt auch einen Blick in das Innere der Synagoge zu werfen. Nachdem das Land Burgenland das Gebäude vom „Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf“ – Vorbesitzer war die Israelitische Kultusgemeinde Wien – angekauft hat, sperrt Erwin Hausensteiner für die Gruppe die Türen einfach auf.

Synagoge „überlebt“ Nationalsozialismus

1860 errichtet, wurde die Synagoge im Zuge des Novemberpogroms 1938 schwer beschädigt. Allerdings wurde die Kobersdorfer Synagoge nicht in Brand gesteckt, da man einen Übergriff der Flammen auf das vis-à-vis gelegene Schloss befürchtete. Zur Sprengung kam es auch nicht. Der Sprengmeister verweigerte nämlich 1942 die Ausführung, weil kurz zuvor bei der Sprengung der Synagoge in Deutschkreutz durch Steinschlag ein Kind ums Leben gekommen war, wird erzählt. So überstand die Kobersdorfer Synagoge als eine der wenigen in Österreich den Nationalsozialismus.

Von außen ist der Anblick trostlos. Seit dem Bau vor 160 Jahren ist die Synagoge architektonisch praktisch unverändert. Der Putz bröckelt bis hinauf zum hohen Giebel großflächig ab, viele Fenster sind mit Brettern verschlagen. Die Eckpfeiler mit den türmchenartigen Aufsätzen sind von den Jahren gezeichnet. Gelb war die Fassade einmal angestrichen, das kann man noch feststellen.

Von innen ist der Eindruck ähnlich erbärmlich. Vorraum und Betraum der Synagoge sind komplett ausgeräumt, ohne ein Einrichtungsstück aus früherer Zeit. Hochformatige, gotisierende Rundbogenfenster sind provisorisch zugemauert oder mit Holzlatten verschlagen worden. Eine Empore, die einst als Frauenempore diente, zieht sich über drei Seiten des Innenraumes. Deutlich zu sehen ist an der straßenseitigen Mauer – die Eingangsfront ist auf der Rückseite des Gebäudes – eine rechteckige Nische für die Heilige Lade.

Land will Synagoge retten

Die Synagoge ist zwar armselig anzusehen. Dennoch gilt sie als eine der letzten Erinnerungen an die einst reichlich vorhandene jüdische Kultur im Mittelburgenland. „Das Land Burgenland wird 2020 mit der Sanierung des Gebäudes und der Außenanlagen beginnen“, erklärt der Altbürgermeister: „Ziel ist die Erhaltung der historischen Bausubstanz und so viel wie möglich vom ursprünglichen Zustand wiederherzustellen.“ Nach der Sanierung soll das Haus ein Kultur-, Wissenschafts- und Bildungszentrum mit einem Schwerpunkt auf die regionale jüdische Kultur und Geschichte sein. Hier sollen regelmäßig Veranstaltungen stattfinden.

Synagoge als „Zeitzeuge“

Das Gebäude soll „Zeitzeuge“ sein, heißt es auf einer der Informationstafeln: „Die Synagoge Kobersdorf soll ein sichtbares Zeichen dafür sein, dass das Land Burgenland sich seiner jüdischen Wurzeln, seiner jüdischen Tradition und seiner Verantwortung für die jüdischen Opfer aus der Zeit des NS-Terrors bewusst ist.“

Judenviertel – aber kein Ghetto

Im Halbkreis rund um das Schloss, auf der Seite, auf der sich die Synagoge befindet, lag einst das Judenviertel. Altbürgermeister Erwin Hausensteiner erwähnt bei seinem Rundgang, was darüber bekannt ist: „Im Haus neben dem Tempel hat sich einst eine koschere Fleischerei befunden“, und er zeigt auf das gegenüberliegende, heute noch bestehende Haus, in dem einst das koschere Gasthaus war, das auch als Anlaufstelle für die nach Sommerfrische suchenden Wiener diente. Kobersdorf war ja die einzige jüdische Kurgemeinde und wegen des Säuerlings – heute bekannt unter dem Markennamen „Waldquelle“ – für orthodoxe jüdische Sommergäste ein beliebtes Reiseziel.

Vorbei an Plätzen, an denen sich die Israelitische Volksschule befunden hatte, wird an einem unscheinbaren Ort einen Stopp eingelegt. „Hier hat sich die erste Synagoge von Kobersdorf befunden. Das war vor mehr als 400 Jahren. Das Bethaus, in dem sich auch ein Ritualbad befand, ist aber einem Brand zum Opfer gefallen. Und für den Neubau der jetzt noch stehenden Synagoge wurde eine andere Stelle gewählt“, erzählt der Alt-Bürgermeister. „Die Kobersdorfer Juden galten jedenfalls als die frömmsten unter den Siebengemeinden.“

Der jüdische Waldfriedhof

Dann geht es Richtung jüdischer Friedhof – vorbei am Haus in der Waldgasse, in dem die Vorfahren des berühmten Malers Ernst Fuchs gelebt haben. Die Begräbnisstätte ist heute ein idyllischer Waldfriedhof, der vor etwa 400 Jahren angelegt wurde. Er umfasst ein riesiges Areal von 5.700 Quadratmetern. Insgesamt gibt es dort mehr als 1.400 Grabsteine. Einige für die jüdische Glaubensgemeinschaft bedeutende und bekannte Persönlichkeiten liegen hier begraben. „So wie in anderen jüdischen Friedhöfen hat auch in Kobersdorf der Verein Schalom die Grabstellen elektronisch erfasst. 150 Inschriften wurden schon übersetzt, weitere 150 dürften noch lesbar sein“, beschreibt Erwin Hausensteiner den aktuellen Stand der Bemühungen.

13 Orte mit jüdischen Kultusgemeinden

Sichtlich beeindruckt vom Gesehenen und Gehörten geht die Gruppe auseinander. Der geführte Rundgang mit dem Einblick in das jüdische Leben war eine direkte Auseinandersetzung mit dieser Seite der regionalen Geschichte.

Zur Einordnung: Kobersdorf ist nur einer von 13 Orten im Burgenland, in denen es bis 1938 eigenständige jüdische Kultusgemeinden gegeben hat. Im Mittelburgenland sind es noch Deutschkreutz und Lackenbach.