Foto: Pflege-Zentrum Raiding
Fast 400 Betten werden in den acht Altenwohn- und Pflegeheimen im Mittelburgenland angeboten. Doch wer einen Pflegeplatz fĂŒr Mutter, Vater oder die GroĂeltern sucht, wird enttĂ€uscht. Die Pflegeplatzbörse meldet Anfang MĂ€rz â0â freie Betten. Hans Tesch zeigt, wie vielfĂ€ltig das Angebot in der Region jetzt ist und was sich verĂ€ndern könnte.
Das Thema Pflege gehört zu den wichtigen Zukunftsthemen in Ăsterreich. Und auch der neue Landeshauptmann Mag. Hans Peter Doskozil hat in seiner Antrittsrede neue wegweisende Regelungen fĂŒr Pflegebetten und die Pflege zu Hause angekĂŒndigt.
Pflegeheime voll belegt
Das Burgenland wartet auf den neuen Pflege- und Betreuungsplan der Landesregierung. Der Raidinger Pflegeheim-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Franz Drescher jun. â Praktiker und Vordenker in der Branche â erwartet sich dadurch richtungsweisende Konzepte: âDas Case-Management, die Patientensteuerung ĂŒber die Bezirkshauptmannschaft, funktioniert sehr gut. Die Informationen bis zur Pflegestufe 4 und ĂŒber andere Betreuungsformen kommen auch an. Die Lösung landesweit kann â meiner Meinung nach â nĂ€mlich nicht nur die Langzeitbetten betreffen. Alle Möglichkeiten zu Hause sind zu nutzen. Und dabei muss man sich die Dimensionen im Burgenland vor Augen halten. Zwei Drittel der rund 19.000 Pflegegeldbezieher sind in den Pflegestufen 1 bis 3, und nur ein Drittel kommt fĂŒr einen Platz im Pflegeheim ĂŒberhaupt in Frage.â

Franz Drescher jun.
Raidinger Pflegeheim-GeschĂ€ftsfĂŒhrerFoto: Pflege-Zentrum Raiding
Was jetzt tun?
Alle Zukunftskonzepte helfen jenen nicht, die jetzt einen Pflegeplatz suchen â und nicht finden. Doch was kann der âErsatzâ fĂŒr ein Pflegebett im Heim sein? FĂŒr Franz Drescher ist es nur die 24-Stunden-Pflege daheim: âHier ist aber noch einiges hinsichtlich QualitĂ€tsgarantien zu tun. Der Bereich ist ziemlich unreguliert. 24-Stunden-Agenturen haben keine Festlegungen bezĂŒglich QualitĂ€t und Leistungen. Es gibt keine verbindlichen Kontrollen, keine QualitĂ€tssicherungen wie zum Beispiel eine Zertifizierung von Agenturen. In der Hauskrankenpflege gibt es die Richtlinien und Standards schon.â
Unterschiedliche Schwerpunkte und Besonderheiten
Im Mittelburgenland gibt es acht Altenwohn- und Pflegeheime, in Oberpullendorf, Nikitsch, Deutschkreutz, Raiding, Lackenbach, Weppersdorf, DraĂmarkt und Lockenhaus. Sie sind unterschiedlich groĂ, unterschiedlich bei den Angeboten, unterschiedlich hinsichtlich EigentĂŒmer und Betreiber. Nur in einem sind sie gleich: Sie sind voll belegt. Alle der fast 400 Betten.
Doch es gibt ĂŒberall Wartelisten. Und um zu wĂ€hlen, in welche man sich eintragen lĂ€sst, sollte man die Angebote und Besonderheiten kennen.
Wachkoma und Hospiz in Oberpullendorf
Im Pflegeheim St. Peter wird eine besondere Betreuung fĂŒr Menschen in der letzten Lebensphase geboten. Hier konzentriert sich die Pflege und Betreuung von Menschen im Wachkoma auf die massiven Wahrnehmungsstörungen, schildert die Pflegedienstleiterin Mag. Barbara Seidel: âZiel ist es unter anderem, die Wahrnehmung zu verbessern, dass Menschen im Wachkoma die Grenzen ihres Körpers wieder spĂŒren, sich weiterentwickeln und dazulernen. Und das anhand von alltĂ€glichen AktivitĂ€ten.â Und zur nachhaltigen Muskelentspannung wĂŒrden auch HĂ€ngematten als Therapiemittel eingesetzt.
Demenz-Station in Raiding
Vor eineinhalb Jahren wurde in Raiding ein eigener Demenzbereich eingerichtet. Franz Drescher: âIn diesem Bereich werden nur 11 Bewohner betreut, sie leben wie im Familienverbund. Der Demenzbereich ist auf die besonderen BedĂŒrfnisse abgestimmt. Gestaltet ist er wie eine gewohnte hĂ€usliche Umgebung mit KĂŒche und Wohnzimmer. All das erfordert jedoch den doppelten Personaleinsatz.â
Demenz-Schwerpunkt in Lackenbach
12 der 35 Betten sind fĂŒr die Versorgung von Menschen mit Demenz reserviert, teilt Dr. Christine Ecker, die Pflege-Leiterin des Samariterbundes im Burgenland, der das Pflegekompetenzzentrum in Lackenbach betreut, mit. Sie hofft mit diesem Bettenanteil von einem Drittel das Auslangen zu finden: âDerzeit rechne ich nicht mit deutlich mehr Bewohnern mit dieser Diagnose.â
Zweisprachigkeit in Nikitsch steigert Selbstwert
Nikitsch ist das erste zweisprachige Pflegeheim in Ăsterreich. Ein GroĂteil der Bewohner hat Kroatisch als Muttersprache, was laut Heimleiterin Helga Gregorits sehr geschĂ€tzt wird: âDie kroatische Sprache vermittelt ihnen Vertrautheit und WertschĂ€tzung und trĂ€gt wesentlich zur Steigerung des Selbstwerts bei. Vor allem die dementen Bewohner sprechen fast nur mehr kroatisch und profitieren daher vom zweisprachigen Pflegeangebot am meisten.â
Kombination der Betreuungsformen in Deutschkreutz
Das Haus Lisa unterscheidet sich von anderen Einrichtungen dadurch, dass hier die Caritas Langzeit-, Kurzzeit- und TagesÂbetreuung anbietet. âHier ist durch die Möglichkeit der Tages- beziehungsweise Kurzzeitbetreuung der Ăbergang in eine Langzeitbetreuung wesentlich sanfter, da die betroffenen Klienten bereits das Haus und dessen Mitarbeiterinnen kennenâ, erklĂ€rt die Heimleiterin Karin Baumgartner. Und sie nennt weitere Vorteile: âHier können Synergien genutzt werden. Zum Beispiel kommen Klienten der Hauskrankenpflege als KurzzeitÂpflegegĂ€ste ins Heim. Und zudem können wir eine Kombination von Hauskrankenpflege und Tagesbetreuung anbieten.â
Raiding â Beleuchtung und EinÂrichtÂung fĂŒrs WohlfĂŒhlen
In Raiding wird laufend erweitert und investiert. Zuletzt wurde in sechs Zimmern ein individuelles, exklusives Beleuchtungs- und Raumkonzept installiert. Der Lebensraum wird demnach nicht durch ĂŒberflĂŒssige Möbel eingeengt. Flexible Möbel kompensieren körperliche EinschrĂ€nkungen. Und mit wechselnden Farben, DĂŒften und Projektionen werden wechselnde Stimmungen erzeugt. âZiel ist es, die bekannte lĂ€ndliche AtmosphĂ€re â mit Licht und Duft â ins Zimmer zu holen. Das Licht in den Zimmern ist dimmbar und kann dem typischen Licht unserer Gegend entsprechend angepasst werden. Der Raumduft wiederum ist anpassbar an die Stimmung. Oder man nĂŒtzt die Anlage einfach als Geruchsneutralisatorâ, erklĂ€rt Franz Drescher.
FĂŒr alle Heimbewohner gibt es die Licht-Therapie. ZusĂ€tzlich zum Tageslicht und den SonnenplĂ€tzen setzt das Pflegezentrum ein Kunstlicht ein, das den 24-Stunden-Lichtverlauf nachahmt. Gerade Demenzkranken hilft das, ihre AktivitĂ€ts- und Schlafphasen besser regulieren und den Tagesablauf dadurch strukturieren zu können. Eine Kleinigkeit â mit groĂer Wirkung aufs Wohlbefinden, heiĂt es von der Heimleitung.
Nikitsch will Lebensfreude steigern
Die SeneCura-Organisation bietet den Bewohnern in Nikitsch besondere Abwechslungen an. Die Kommunikations-Chefin Mag. Katrin Gastgeb: âEinmal im Jahr erfĂŒllen wir jeder Bewohnerin und jedem Bewohner einen ganz persönlichen Wunsch. Das kann zum Beispiel ein Treffen mit alten Freunden im Heimatort sein, der Besuch des Lieblingsrestaurants oder eine Fahrt mit einem Ballon. Und wir ermöglichen auch einen Urlaub. Wer möchte, verbringt einfach eine Woche bestens betreut an einem anderen SeneCura-Standort in Ăsterreich.â
DraĂmarkt und Lockenhaus: âLeben wie zu Hauseâ
Dem Motto des Hilfswerkes entsprechend wird in den beiden Seniorenpensionen auf das familiĂ€re Ambiente geachtet: Dazu zĂ€hlen verschiedene einfache BeschĂ€ftigungsÂangebote, innerhalb wie auĂerhalb des Hauses, die Teilnahme am Jahreskreis bei kirchlichen und örtlichen BrĂ€uchen sowie eine seelsorgerische Begleitung. Kleine gĂ€rtnerische TĂ€tigkeiten können ĂŒbernommen werden. In Lockenhaus wurde ein âSinnesgartenâ angelegt, in DraĂmarkt wird in der Grundpflege einfache Aromapflege geboten.
Oberpullendorf erfĂŒllt âHerzenswĂŒnscheâ
Im Haus St. Peter versucht man auf individuelle WĂŒnsche einzugehen. Heimleiterin Barbara Seidel erzĂ€hlt, dass zuletzt drei Bewohnerinnen in der Volksoper gewesen sind. Und einigen anderen wurde es ermöglicht, an ihrem alten Arbeitsplatz vorbeizuschauen.
Wie sieht die Zukunft aus?
BURGENLAND MITTE hat von den Betreibern aller acht Pflegeheime Statements eingeholt, wo der Schuh drĂŒckt und was unbedingt passieren sollte. Durchwegs herrscht groĂe Sorge, ob genĂŒgend Pflegepersonal gefunden werden kann. Und man hofft, dass das neue burgenlĂ€ndische Pflegekonzept realistisch ist und finanziert werden kann.
Laut Caritas-Pressesprecherin Dr. Ulrike Kempf ist es derzeit sehr schwierig, gut ausgebildetes und engagiertes Fachpersonal zu bekommen: âWir befĂŒrchten, dass sich in Bezug auf das Fachpersonal die Situation verschĂ€rfen wird, wenn nicht zusĂ€tzlich ausgebildet wird und wenn hier keine zusĂ€tzlichen Anreize fĂŒr die Pflegearbeit geboten werden, zum Beispiel bessere Bezahlung, mehr Urlaub, eventuell auch ein Ăberdenken der Schwerarbeiterregelung fĂŒr TeilzeitkrĂ€fte.â
Pflegenotstand abwenden
Oswald Klikovits, der Obmann des Hilfswerks Burgenland, beklagt den ĂŒberbordenden BĂŒrokratismus und den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal: âUnser Pflegesystem steht und fĂ€llt mit engagiertem, qualifiziertem Personal â und das ist knapp. Hier muss auch die Politik Wege finden, um die Ausbildung fĂŒr Pflegeberufe attraktiver zu gestalten. Wir mĂŒssen sofort mit zukunftsorientierten Ausbildungsvarianten â Stichwort Pflegelehre â beginnen, um den zu erwartenden Pflegenotstand abzuwenden.â
Mehr PflegeplÀtze
Karin Baumgartner vom Caritas-Haus Lisa meint, es sei viel zu tun: âDer Bedarf an BetreuungsplĂ€tzen ist sehr hoch, auch aufgrund der Pendlersituation. Viele leben und arbeiten in Wien und sind nur am Wochenende zu Hause und daher mit der Pflegesituation von Angehörigen ĂŒberfordert.â Die Nachfrage in Deutschkreutz sei groĂ. âWir könnten mindestens fĂŒnf bis acht PlĂ€tze in der Langzeitpflege und zwei PlĂ€tze in der Kurzzeitpflege brauchenâ, erklĂ€rt die Heimleiterin. Sie sieht die Zukunft des Hauses im Ausbau der Kurzzeitpflegebetreuung vor allem nach Krankenhausaufenthalten.
Hilfswerk-Obmann Oswald Klikovits zeigt die Entwicklung auf, die ihm Sorge bereitet. Die Zahl der Ăber-80-JĂ€hrigen steige von 2019 bis 2021 im Burgenland um etwa 2.500 Personen oder um 14 Prozent: âAufgrund der Nachfrage könnten wir in DraĂmarkt und Lockenhaus etwa 10 Betten mehr brauchen. Die Bettenanzahl wird auszubauen sein, hier muss allerdings das Land sein OK dazu geben.â
Auf die Mitarbeiter schauen
SeneCura suche nur vereinzelt neue PflegekrĂ€fte, beuge aber einem Mangel bereits vor, argumentiert die Pressechefin Katrin Gastgeb: âUm unser Personal zu halten und aufzustocken, setzen wir auf drei Schienen: auf optimale, flexible Rahmenbedingungen wie freie Dienstplangestaltung, voll finanzierte Aus- und Weiterbildung wĂ€hrend der Dienstzeit, auf RĂŒcksichtnahme auf familiĂ€re Umfelder und auf eine gute Unternehmenskultur â von der gâsunden Jause bis zur Möglichkeit, Kinder in die Arbeit mitzunehmen oder in hauseigenen KindergĂ€rten unterzubringen.â
Auch mehr Pflegebetten nötig
GeschĂ€ftsfĂŒhrer Franz Drescher vom Pflegezentrum in Raiding hĂ€lt den Bezirk derzeit relativ gut versorgt mit Alten- und Pflegeheimen. Die Zukunft sieht er realistisch: âEs gilt versorgt zu sein â aber nicht ĂŒberversorgt! Ein Anteil der Personen der Pflegestufe 4 könnte zu Hause versorgt werden oder im Betreuten Wohnen PLUS. Hier geht es meist um âBetreuungâ, nur um UnterstĂŒtzung.â Drescher sieht Bedarf an Tagesbetreuungsbetten, an Kurzzeit- und an Urlaubsbetten.
Sein Zukunftsszenario: âAuch Pflegeheime wird es kĂŒnftig mehr brauchen! Die Leute werden nĂ€mlich nicht nur Ă€lter, sie werden krank Ă€lter. Und alle den Pflegeheimen vorgelagerten Einrichtungen sind kein Ersatz fĂŒr Pflegebetten.â
Ohne Geld keine Pflege
Eines scheint allen im Pflegebereich bewusst: Wie auch immer das neue Pflegekonzept aussehen und welche Betreuungsform auch immer verstÀrkt wird, ohne die richtige Strategie und ohne zusÀtzliches Geld der öffentlichen Hand wird es keine zufriedenstellende Pflege geben.
Die 8 Altenwohn- und Pflegeheime des Mittelburgenlandes
Fotos: Pflegeeinrichtungen (6), Tesch (2)
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