Lokalaugenschein im Krankenhaus Oberpullendorf, Dr. Ulf Schlaffer aus Neckenmarkt / Fotos (2): Tesch

So funktioniert die Akut-Ordination Oberpullendorf

von | Nov 27, 2018 | Burgenland-Mitte

Seit heuer im April ist die ärztliche Versorgung der Patienten im Burgenland neu organisiert. In den Abend- und Nachtstunden ist an den Wochentagen eine sogenannte Akut-Ordination die einzige Anlaufstelle für die Erstversorgung. Die praktischen Ärzte fühlen sich entlastet, und auch die Krankenkasse zieht eine positive Bilanz.

Lokalaugenschein im Krankenhaus Oberpullendorf: Hier ist in einem Zimmer im Erdgeschoß die Akut-Ordination für das Mittelburgenland eingerichtet. Von Montag bis Freitag macht in diesem Raum von 17 bis 22 Uhr ein praktischer Arzt Dienst. An diesem Montag Anfang November ist es Dr. Claus Ulf Schlaffer aus Neckenmarkt. Er ist für fünf Stunden diensthabender Arzt für das gesamte Mittelburgenland – es ist also nicht mehr der jeweils persönliche Hausarzt zuständig. Und noch ein zweiter Mediziner ist im Dienst: Diesmal ist es Frau Dr. Elisabeth Unger, praktische Ärztin in Markt St. Martin. Sie agiert an diesem Abend, auch von 17 bis 22 Uhr, als sogenannter „Visiten-Arzt“. Sie fährt – nach einem ausführlichen Telefonat – im Bedarfsfall mit ihrem Erste-Hilfe-Koffer zu den Patienten, die gesundheitlich nicht in der Lage sind, die Akut-Ordination aufzusuchen. Gefahren wird mit einem Auto des Roten Kreuzes, ein Sanitäter ist Fahrer und Helfer.

Patienten wählen „141“

Nach 22 Uhr bis 7 Uhr früh an Wochentagen ist ausschließlich ein Arzt am Telefon zuständig. Als Patient wählen Sie „141“, der „Telefonarzt“ ruft Sie zurück. Er berät, gibt praktische Tipps, ob Sie sich selbst ausreichend behandeln können. Er entscheidet auch, ob unbesorgt bis zum nächsten Tag zugewartet werden kann oder die Rettung beziehungsweise der Notarzt zu rufen ist – oder eine Spitalsbehandlung ratsam ist.

Die Feiertags- und Wochenend-Dienste bleiben wie bisher geregelt. Sie werden nicht von der Akut-Ordination wahrgenommen. An Samstagen, Sonn- und Feiertagen hat in jedem der drei Ärzte-Sprengel im Bezirk ein praktischer Arzt Dienst. Von 7 bis 21 Uhr. Wer? Das ist bei der Ärzteleitstelle – Telefon 141 – zu erfragen. Neu ist am Wochenende, dass die praktischen Ärzte nur bis 21 Uhr Dienst machen. Schon ab 19 Uhr bis 7 Uhr früh ist ein „Telefonarzt“ im Einsatz.

Allergie bis Herzinfarkt

Die beiden Ärzte waren in der Akut-Ordination meist mit typischen Beschwerden konfrontiert, mit Fieber oder kleinen Verletzungen. Aber nicht nur. „Ich habe eine Patientin, die Schmerzen im Bauch hatte, gleich ins Spital geschickt, wo ihr dann der Blinddarm herausgenommen wurde. Und einen Patienten habe ich wegen des Verdachts auf Herzinfarkt im Spital durchchecken lassen“, erinnert sich Elisabeth Unger an ihre zwei schwerwiegendsten Einsätze. Mit Verwunderung hat die Ärztin aber auch erlebt, dass jemand gekommen ist, um sich etwas verschreiben zu lassen, nur um nicht beim Hausarzt warten zu müssen. „Das ist wirklich kein Fall für die Akut-Ordination. Ich habe die Patientin an ihren praktischen Arzt verwiesen und weggeschickt.“

Die Gebietskrankenkasse hat für BURGENLAND MITTE die Leistungen aufgelistet: Vom Start im April bis Ende September haben 728 Patienten die Akut-Ordination Oberpullendorf aufgesucht. Das sind im Schnitt sechs Patienten am Tag, was dem Durchschnitt aller Akut-Ordinationen im ganzen Burgenland entspricht. Lediglich 104 Patienten (14 %) mussten in ein Spital weitergeleitet werden, zur ambulanten Behandlung bzw. zur stationären Aufnahme. 65 Patienten (9 %) konnten ohne Behandlung nach Hause entlassen werden. Und 559 Patienten (77 %) wurden erstversorgt bzw. an den Hausarzt, Facharzt oder eine Spezialambulanz verwiesen. Der Großteil der Patienten hat also keine Spitalsbehandlung gebraucht.

Entlastete Ärzte

Dr. Ulf Schlaffer spricht von einer Erleichterung und einer großen Entlastung. „Durch die Akut-Ordination hat man als Arzt endlich eine Nachtruhe. An den Wochentagen – und durch die ‚Telefonärzte’ auch an den Wochenenden. Man ist ausgerastet für die Ordination am nächsten Tag.“

Vor allem ältere Ärzte dürften über die neue Regelung froh sein, meint Schlaffer. „Sie können sich jetzt verlassen, dass sie zu bestimmten Tageszeiten nicht in den Dienst müssen.“

Auch Dr. Elisabeth Unger ist froh, dass es die extremen Wochenendeinsätze nicht mehr gibt. „Es gab immer wieder Dienste, da war man von Samstag 7 Uhr bis Montag 7 Uhr im Einsatz. Und nach den 48 Stunden ist man dann am Montag um 8 Uhr in der Ordination gestanden. Das war auf die Dauer nicht tragbar.“

Zufriedene Krankenkasse

Eine positive Bilanz zieht die Burgenländische Gebietskrankenkasse: Die Akut-Ordinationen wurden als Anlaufstelle zur Erstversorgung und zur Entlastung der Krankenhausstrukturen zu den Tagesrandzeiten ins Leben gerufen, d. h., jene Fälle, die die Infrastruktur des Krankenhauses aus medizinischer Sicht nicht benötigen, werden zu den Ärzten für Allgemeinmedizin oder Fachärzten umgeleitet. Diese Steuerung zum „best point of service“ wurde von der Bevölkerung positiv aufgenommen und ist gleichzeitig ressourcenschonend für das System, zieht die Kasse als Zwischenbilanz.

Der Obmann der Burgenländischen Gebietskrankenkasse, Hartwig Roth, sieht in seiner Stellungnahme gegenüber BURGENLAND MITTE den neuen Weg bestätigt. Diese Neuregelung habe für die Ärzte und für die Spitalsambulanzen Verbesserungen gebracht. Und nun sollte es auch leichter möglich sein, Nachfolger für die in Pension gehenden Hausärzte zu finden, argumentiert Roth.

„Durch die Abschaffung des Bereitschaftsdienstes über Nacht wurde der Beruf des Hausarztes wieder attraktiver, gleichzeitig konnte eine Entlastung der Spitalsstrukturen verzeichnet werden.“ Und Obmann Roth stellt klar: „Essenziell für die Burgenländische Gebietskrankenkasse ist die Aufrechterhaltung der Versorgung bei hoher Qualität!“

Weitere Änderungen stehen an

Die positiven Erfahrungen, die mit den Akut-Ordinationen an den Wochentagen gewonnen werden konnten, zeigen, dass dieses System auch für die ärztliche Versorgung an den Wochenend- und Feiertagen denkbar wäre, heißt es von Seiten der Gebietskrankenkasse.

Und Adaptierungen bzw. Anpassungen des Systems können immer wieder notwendig werden, manchmal auch nur regionsbezogen. „Zum Beispiel werden sich mit der österreichweiten Einführung der telefonischen Gesundheitsberatung ‚Wenn’s weh tut! 1450‘ Änderungen auf das System ergeben. Voraussichtlicher Start im Burgenland ist der März 2019. Die telefonische Gesundheitsberatung soll dann rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche, ein persönlicher Wegweiser durch das Gesundheitssystem sein.“

„Visitenärztin“ Dr. Elisabeth Unger

ÄRZTE-DIENSTPLAN AKUT-ORDINATION/WOCHENENDE

Montag bis Freitag

7 bis 17 Uhr

Die Ordinationen der Hausärzte sind zu bestimmten Zeiten geöffnet. Vormittags/nachmittags/manche bis 19 Uhr.

17 bis 22 Uhr

Die Akut-Ordination in Oberpullendorf ist geöffnet. Direkt hinkommen oder Tel. 141

22 bis 7 Uhr

„Telefon-Arzt“ hilft weiter.
Tel. 141

 

Samstag, Sonn- und Feiertag

7 bis 21 Uhr

In jedem der drei Ärzte-Sprengel hat ein Arzt Dienst.

Wer? Tel. 141

19 bis 7 Uhr

„Telefon-Arzt“ hilft weiter – Tel. 141