Prof. Josef Schermann zeigt die Seite mit der raren Urkunde. Foto: Tesch

Der Historiker Josef Schermann erzählt von der bewegten Vergangenheit des „ältesten Ortes im Burgenland, der durch eine Urkunde nachweisbar ist“.

Wenn jemand eine Festschrift schreibt, dann kann er etwas erzählen! Das gilt auch für Professor Josef Schermann, den Historiker aus Pilgersdorf. Er hat für den Ort eine umfangreiche Chronik verfasst und verweist als Erstes gleich auf die Besonderheit der Ortschaft: „Pilgersdorf ist der älteste Ort im Burgenland, der durch eine Urkunde nachweisbar ist.“ Das bezeuge die fast 1.200 Jahre alte “Brunnaron”-Urkunde von 844 n. Chr., ein Beweis für die Besiedelung durch deutsche – fränkische – Einwanderer. In der Urkunde, die sich im Staatsarchiv befindet, ist Pilgersdorf mit seinem ersten Namen „Brunnaron“ erwähnt. „Bodenfunde gibt es viele, aber Urkunden-Nachweise, die so weit zurückliegen, nicht. Es ist geradezu sensationell. Und ich freue mich, dass ich eine Abschrift dieser Urkunde übersetzen konnte“, sagt Schermann selbstbewusst.

Untertanen von sechs Grundherren

“Von der Gründung des Ortes bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das Leben der Pilgers­dorfer von den Grundherren bestimmt, denen sie in allem untertan waren. Was die Grundherren und ihre Beamten vorschrieben, mussten die ‚Dorfrichter‘ als ihr verlängerter Arm in den Orten durchführen“, schreibt Schermann in der Chronik. Pilgersdorf gehörte immer zur Herrschaft Lockenhaus. Wer ab 1270 – vor 750 Jahren beginnend – die Verfügungsgewalt über Land und Leute hatte, ist in der Festschrift angeführt: 67 Jahre lang waren es die Güssinger Grafen, 53 Jahre der ungarische König, 145 Jahre die Familie Kanizsay, 136 Jahre die Familie Nádasdy, 5 Jahre Graf Nikolaus Dráskovich und 172 Jahre lang die Familie Esterházy bis 1848.

Evangelische Kleinadelige flüchten nach Pilgersdorf

Als „historisch interessant“ bewertet Josef Schermann, dass Pilgersdorf mehr als 100 Jahre lang ein Fluchtort für evangelische Kleinadelige gewesen ist: “Vor rund 380 Jahren ließen sich protestantische Adelige aus Niederösterreich, Oberösterreich, Kärnten und der Steiermark in Westungarn nieder. Sie sind aus ihrer Heimat geflüchtet, in Ungarn fühlten sie sich vor der Gegenreformation sicher. Die Ungarn waren offensichtlich toleranter.” Möglich sei das geworden, weil die westungarischen Magnaten vermehrt Geld brauchten, vor allem für die militärischen Aufgaben. Und Geld hatten die geflüchteten Adeligen, darunter hauptsächlich Freiherren oder Barone, nachdem sie vor ihrer Flucht Teile ihrer Besitzungen verkauft hatten. In Pilgersdorf in der Herrschaft Lockenhaus erhielten die Geflüchteten für bestimmte Zeit Besitzungen – wie zum Beispiel den ganzen Ort Pilgersdorf – verpfändet. Es waren dies aus dem heutigen Oberösterreich die Adelsfamilie Speidl sowie aus dem heutigen Kärnten die Adelsfamilien Hohenwarth, Mensdorf und Preinberg. „Die Kleinadeligen sind aber spätestens nach dem Toleranzpatent Kaiser Josephs II. wieder verschwunden; 1783 als letzter Baron von Preinberg. Pilgersdorf war sozusagen 140 Jahre lang ein ‚Ausweichquartier’ für diese Evangelischen, die dann wieder in ihre Heimatregionen zurückgekehrt sind”, schildert Schermann. Einiges weise noch auf diese Zeit hin. So gäbe es in einigen Häusern des Ortes massive Kellergewölbe, die einst zu größeren Adelshäusern gehört haben, argumentiert Prof. Schermann und zeigt Fotos von solchen Gewölben.

Die Chronik kann sich sehen lassen

Auf 327 Seiten widmet sich Prof. Josef Schermann der Geschichte von den ersten Fundstücken aus der Zeit der Römer bis zur Zusammenlegung von Pilgersdorf, Steinbach, Lebenbrunn, Kogl, Salmannsdorf, Bubendorf und Deutsch Gerisdorf zur Großgemeinde Pilgersdorf im Zöberntal. Viele Fotos – auch in schwarz-weiß – verschaffen ein kompaktes Bild über den Ort. Man erfährt, dass Pilgersdorf einst ein Zollamt hatte, dass es Überschwemmungen und Feuerkatastrophen gegeben hat, es gibt Informationen über die Schicksalsjahre des Ortes, die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege, die Entwicklung der Landwirtschaft und des Gewerbes. Geschrieben wurde über die Bürgermeister und die Schulmeister, die Wirtshäuser und Mühlen, die Pfarre und die Schulen sowie die vielen Auswanderer nach Amerika. Umfassend dargestellt sind auch Brauchtum und Vereine, Feuerwehr und Fußballclub, Gesangs-, Musik und Kulturverein sowie Seniorenvereine. Josef Schermann hat seit seinem Studium an dieser Zusammenstellung gearbeitet – die letzten Jahre sehr intensiv – und war dafür in vielen Archiven Österreichs und Ungarns, sagt er. Und für die Chronik seines Geburtsortes Pilgersdorf und die Chronik für den Ortsteil Bubendorf ist der ehemalige Gymnasial­professor ausgezeichnet worden. Bürgermeister Ewald Bürger hat ihm bei der Präsentation der Chronik den Ehrenring der Gemeinde überreicht.

Kupferstich von „Pergelen“ aus 1680. Foto: Tesch